Informatik & Gesellschaft

Ich find’s erstaunlich, dass bei vielen meiner Studienkolleg_innen die Vorstellung vorherrscht, dass Informatik ein rein „technisches“ Studium sei, das nichts mit Überlegungen zu anderen (gesellschafts)politischen Fragen zu tun hat. Da ich aber gemerkt habe, dass viele – mit denen ich geredet habe – überhaupt nichts mit dem anfangen können, was ich zu den Dingen zu sagen habe und wie sehr teilweise auch darauf bestanden wird, dass ich doch eine eigene Position vertreten solle, anstatt quer durch die Reihe irgendwelche Texte zu zitieren, die ich für mein eigenes politisches Verständnis für wesentlich erachtet habe, habe ich mir gedacht, ich erkläre mal, warum das schon allein „informationstechnisch“ (also was ich mir darunter – gar nicht wissenschaftlich – vorstelle) keine gute Idee ist.

Bevor ich anfange, die Warnung, dass – auch wenn ich mich immer sehr bemühe so oberflächlich wie möglich zu bleiben – ich eventuell zu sehr ins „technische“ Abschweife (ich tue das allerdings in der Hoffnung, dass das „Technische“ gar nicht so kompliziert ist, wie immer getan wird und dass ich einen „didaktisch“ wertvollen Beitrag liefere). 🙂

Informatik und Gesellschaft also? Je nach Uni ist es ein mehr oder weniger nicht berücksichtigtes Feld. An der Uni Wien gibt’s im Bachelorstudium Informatik seit paar Jahren nur mehr eine 3 ECTS-VU gleichen Namens und was darin gelehrt wird ist einerseits stark abhängig vom LV-Leiter und Aufbau des jeweiligen Kurses und andererseits auch abhängig von deinen Kolleg_innen. Grund für letzteres ist, dass ein großer Teil der thematischen Vielfalt (abhängig natürlich vom jeweiligen Kurs) nicht in einem klassischen Frontalunterricht vermittelt wird, sondern durch Gruppen- oder Einzelpräsentationen oder auch nicht.

Interessant ist nun, dass die durch die LV ermöglichte und teilweise sogar explizit als Ziel formulierte Reflexion im restlichen Studium völlig zu kurz- oder gar nicht erst vorkommt. Natürlich kann eins jetzt hergehen und das auch positiv (um)deuten und der Meinung sein, dass mit der universitären Reife auch die Menschen autonom und für sich denken können und sollen, weshalb da kein institutionalisierter Rahmen vorgegeben wird (bzw. dass genau das nicht Vorhandensein, irgendwelcher Reflexionsmöglichkeiten erst Voraussetzung für ein kritisches Bewusstsein sind) – was (achtung, polemik^^) wohl auch der Grund sein wird, dass z.B. die Republikanische Partei in Texas in ihrem Parteiprogramm fordert, dass keine „Higher Order Thinking Skills“ gelehrt werden sollen… – aber das ist eigentlich eine eigene Besprechung wert.

Nach dieser Analyse, warum ich nicht gerade auf meine Studi-Kolleg_innen baue, auch wenn ich die Hoffnung nicht aufgegeben habe, wollte ich aber – auch weil so ein elitäres, „reflektiert“ doch mehr und „seid kritischer“ ja oftmals in den falschen Hals genommen wird und nix bringt – das vermittelte gesellschaftliche Vakuum – in dem sich die Informatik auch als „technische“ Wissenschaft“ eben nicht befindet – mit und in einer Sprache „füllen“, die meine Kolleg_innen hoffentlich verstehen.

Als Basis für meine Erklärung und den Apell, Techniksoziologie nicht als Wischi-waschi-Irrelevante Sozialwissenschaft zu sehen, sondern eine politisch höchst relevante, werde ich darauf aufbauen, was ich von dem Kurs, der mich am meisten bewegt hat, das mitzunehmen versuchen, woran ich mich erinnern kann – und hoffen, dass ich irgendwann alle Quelle(n) für diese Idee nachreichen kann – nämlich, dass wir dank technologischer Fortschritte in der Lage sind, nicht mehr nur von „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ zu sprechen, sondern von sozialen Netzwerken.

In der Informatik gibt es auch viele Netzwerke und Netzwerktheorie. Interessant sind hierbei Kommunikationsnetzwerke, wie z.B. das Internet, wo Rechner einzelne Knoten sind, die irgendwie miteinander verknüpft sind (also nicht irgendwie, aber für ein Kommunikationsprotokoll wie IP spielt dass dann weniger eine Rolle). Wichtig ist eher, das sie verteilt sind und in einem gewissen Rahmen unabhängig von einander agieren und aber auch aufgrund von Informationsaustausch Sachen berechnen.

Nachdem wir in der Informatik sowieso lernen (sollten) zu abstrahieren, ist es jetzt keine große Kunst, die für die didaktische Erklärung notwendige Sichtweise, Menschen als mehr oder weniger gut programmierbare Knoten zu betrachten, die miteinander kommunizieren, um zu handeln und zur Kommunikation natürlich auch Kommunikationsprotokolle einsetzen. Zur Programmierbarkeit der Menschen sag ich später noch was, aber damit die Metapher Fuß fassen kann, können wir ruhig auch mit Stereotypen und Vorurteilen arbeiten und so tun, als ob Menschen sich nicht durch Gespräche und Reflexion ändern können.

Ich hab jetzt schon öfters auf Kommunikationsprotokolle hingewiesen, aber jetzt möchte ich das auch mit ein bisschen Geschichte der Informationstechnologie in Verbindung setzen und inwiefern sich damit gewisse, politische Forderungen von verschiedenen „radikalen“ Gruppierungen auch für Mainstream-sozialisierte Informatiker_innen erklären lassen.Ganz verkürzt ist eine gemeinsame Sprache und eine Schnittstelle mal Grundvoraussetzung um miteinander zu kommunizieren (also wenn mensch mal ausblendet, dass es auch Übersetzungen geben kann). Schnittstellen bei der Kommunikation von Menschen kann vieles sein. Im abstrakten Sinne kommunizieren wir ja nicht nur über ein Medium, sondern über viele.

Aber gehen wir mal nur von der Kommunikation zwischen zwei Menschen aus. Diese können, wenn sie räumlich und zeitlich nicht von einander entfernt sind, miteinander sprechen und direkt Nachrichten austauschen. Technologie ermöglicht jetzt die Kommunikation über örtliche Distanz hinweg und auch über zeitliche. So gibt’s einerseits mal die Technologien der Schrift und Papier, die zu Büchern führen, dann aber auch Technologien, wie Telefon, Schreibmaschinen, Radio, Fernsehen, Computer, Internet, Web, Social Media, etc.

Interessant sind aber auch andere (soziale) Techniken, wie institutionalisierte Wissenschaft, Bildung, Geld, Wirtschaft, Geschichte, Recht oder auch Religion. Und theoretisch könnte man auch noch Gewalt und Unterdrückung dazuzählen, nachdem wahrscheinlich die meisten Leser_innen z.B. in einen einen sogenannten Rechtsstaat leben.

Da ich in diesem Beitrag keine Analyse der bestehenden Verhältnisse anstrebe, sondern das ganze „informationstechnisch“ angehen möchte, möchte ich klarstellen, dass das diese „Techniken“ alles (historisch gewachsene) Kommunikationsprotokolle sind (also gesehen werden können), die wahrscheinlich von den meisten von uns unhinterfragt implementiert und reproduziert werden.

Unbestritten, dass Kommunikationsprotokolle in einem dezentralen Netz nicht einfach so geändert werden können (die Umstellung auf IPv6 wird noch eine Weile dauern, auch wenn es eine bessere Lösung sein soll und sich fast alle mehr oder weniger einig sind, dass es das ist, etc.), aber dass uns in dieser Welt nichts und niemand davon abhält, dass wir es nicht schon vorher versuchen (und lokale Netze schon mal vorab umstellen und versuchen die ISPs zu überzeugen, dass es nicht so viel kostet, etc.). Ganz stimmt das natürlich nicht, weil wir ja „funktionieren“ wollen bzw. es total anstrengend und ermüdend ist, gegen den Strom zu schwimmen (und es klarerweise auch darauf ankommt, was wir ändern oder implementieren wollen).

Hier würde dann ein Hinweis auf Focault oder so kommen oder wieder auf Nancy Fraser verwiesen, aber nachdem ich mit dem technischen Stereotyp arbeiten möchte, lasse ich das mal. Wichtig ist eher mal, eine „objektive“ Grundlage für weitere Diskussionen zu formulieren, in der dann so scheinbar ganz akademische Unternehmungen wie „Dekonstruktivismus“ plötzlich Sinn ergeben. Und vielleicht schaff ich das auch irgendwann mal pointierter und ohne Ausschweifungen in irgendwas Irrelevantes. 😉

In unserer Gesellschaft ist es natürlich um einiges komplizierter als mit dem Internet (weshalb ja Dekonstruktivismus so wichtig ist), da es (zum Glück) keinen gemeinsamer Zweck gibt, keine Instanz oder Authorität gibt, über die wir uns einigen können, was uns allen wichtig sein muss, dass wir aber vielleicht doch bald mit einer „erbarmungslosen“ Technik konfrontiert sind, die uns keine Wahl mehr lässt – so wie der Kapitalismus alternative Wirtschaftsmodelle verunmöglicht (oder es versucht). Aber das ist eine andere Diskussion.

Viel wichtiger ist jetzt auf die Frage zurückzukommen, ob wir als individuelle Knoten ein bestimmtes Verhalten des Netzwerkes erzwingen können bzw. was dafür notwendig ist, nachdem wir trotz technologischer Fortschritte, die uns eigentlich ermöglicht über Grenzen hinweg mit anderen Menschen zu kommunizieren, eine limitierte Sicht auf die Welt haben (vielleicht sogar haben müssen).

Der Witz ist, dass – dank dem Projekt der Aufklärung und eigentlich eh schon immer – jede_r für ihr eigenes Kommunikationsprotokoll verantwortlich ist und dass soziale Kämpfe aller Art als politische Änderungsversuche der Kommunikationsprotokolle gesehen werden kann.

Wichtig sind deshalb auch die eher philosophische Grundsatzfragen, die teilweise die möglichen Gespräche und Änderungen vorwegnehmen: Habe ich ein dogmatisches Bild von Menschen, die mit spezifischen Interessen – z.B. über Annahmen, die alle akzeptieren können sollten (wie z.B. dass Menschen als biochemische Maschinen, Nahrung aufnehmen müssen, um handeln zu können) und deshalb ein Interesse haben nicht zu hungern – geboren werden und sich warum auch immer nicht ändern können, dann kann ich mich nur darum streiten, was denn genau jetzt diese Annahmen sein mögen, mit denen eins geboren wird.

Gehe ich nun davon aus, dass dies nicht der Fall ist, also dass Menschen sehr wohl auch „Interessen“ haben, die sich auch aus einer gesellschaftlichen Dynamik ergeben und nicht naturalisiert mit z.B. biologistischen Determinismus erklärt werden, so spielt die Frage, wie sich diese Interessen bilden und warum und wieso bestimmte Diskurse geführt werden (können) eine Rolle.
ps. diese Beschreibung ist wie alles was ich mache ein ständiges work-in-progress.

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2 Gedanken zu „Informatik & Gesellschaft

  1. Der Anspruch auch nur einen originellen Gedanken zu haben, muss ich wohl endgültig aufgeben. Zum Thema »Netzwerkforschung« gibt’s in der Soziologie schon so viel Literatur, dass ich echt das Studium wechseln sollte. 🙂

  2. Pingback: Programmierbarkeit von Menschen | Sys·op·tic

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