Falsches Studium?

Ich merk grad, dass ich überhaupt keine Lust mehr hab, mein Informatik-Studium an der Universität Wien fortzusetzen. Das einzige, was mich noch daran hält, ist der bevorstehende Abschluss, aber Interesse habe ich keines mehr. Zumindest nicht an Scientific Computing.

Eventuell liegt es daran, dass ich in meinem Umfeld kaum mit anderen Informatiker_innen oder auch Naturwissenschaftler_innen zu tun habe und mir somit gewissermaßen der Austausch und damit die Relevanz für das, was ich lerne, fehlt. Andererseits ist es sicherlich auch nicht förderlich, dass ich mich bevorzugt mit Geistes- und Sozialwissenschaftler_innen unterhalte, wo es um ganz andere Dinge geht und auf die (eigentlich positivistische) Informatik/Naturwissenschaften hinabgeschaut wird.

Forschen würde ich jedenfalls nicht auf dem Gebiet wollen. Viel eher würde ich sowas wie Medieninformatik bevorzugen, allerdings mit einem kritisch-emanzipatorischen Anspruch. Ich weiß nicht, inwiefern sich meine Begeisterung für dieses Thema auf die Wahl meines Masterstudiums auswirkt oder ob die nicht schnell verzieht, wenn ich merke, dass das Studium total scheiße ist. Aber jo, das ist nur das was ich mir grad denke, vielleicht ändert sich das ja auch wieder.

Angeregt zu dem Thema hat mich übrigens ein Kollege (Nicht-Informatiker), der mich auf Open Atrium hingewiesen hat und gefragt hat, ob wir das nicht benutzen sollten, statt Mediawiki (und Mailingliste). Was mich zu einem älteren Forschungsthema, wozu ich früher mal forschen wollte, aber zu dem ich nie gekommen bin (und wo sich mein Fokus mittlerweile auch ein bisschen geändert hat), gebracht hat.

Weitere Dinge, die zum Füllen des Fasses beigetragen haben, waren meine (bislang unveröffentlichten, noch nicht-verarbeiteten und eigentlich auch bestehenden) Probleme mit Team-Arbeit/Kommunikation, dass mittlerweile alles über Facebook zu rennen scheint, ein Brainstorming, ein (älterer) Blog-Post von jewelfox und dass ich das Forum von Typo3 bzw. die Idee, den Content mit Mailman zu synchronisieren genial fand und immer noch finde.

Aber dazu vielleicht später mehr, wenn ich Haraway’s Cyborg Manifesto gelesen habe…

Schreiben

Schreiben ist anstrengend. Zuerst einmal, weil Schreiben in keinem kontextleeren Raum stattfindet, sondern immer mitzudenken ist, wer den Text lesen kann, wer ihn nicht lesen kann, wie er rüberkommt, wie nicht. Was er aussagt. Was er kommuniziert. Das Privileg einfach zu schreiben und sich darüber keine Gedanken zu machen, hab ich nicht. Hatte ich nie. Wünsche ich mir auch nicht. Haben vielleicht alle anderen auch nicht. Ignorieren es vielleicht nicht einmal. Weiß ich nicht.

Dann ist Schreiben für mich anstrengend, weil ich nicht gelernt habe. Lernen wollte. Wie eins “richtig” schreibt. Es ist unverständlich. Bleibt unverständlich. Und ich auch wenn ich “gut geschriebene” Texte bewundere. So hatte ich noch nicht die Zeit mir (all) diese Technik(en) anzuschauen. Vertraut zu machen. Anzueignen. Weiterzuentwicklen.

“Das Ganze”, meinte kürzlich ein Kollege, sich auf einen aus 20 (Haupt- und Neben-)Sätzen bestehenden Paragraphen beziehend, “hätte [eins] auch in 4 bis 5 Sätzen schreiben können.” – Ich konnte es nicht. Weiß nicht, ob ich es wollen würde. Ich fand das Feedback wichtig. Lesen kann ja auch anstrengend sein. Aber hilfreich war es nicht.

Hilfreiches Feedback. Mit dem ich was anfangen kann. Bei dem ich verstehe, was genau von mir verlangt wird. Feedback das meistens ausbleibt oder ich mir nur aus Vorwürfen zurechtbiegen kann.

Neben dem ausbleibenden Feedback sind natürlich auch die eigenen Ansprüche hinderlich. Oder das keine Zeit haben. Sich Zeit mehr für andere Dinge nehmen, die einfach wichtiger sind. Wichtig. Oder mehr Spaß machen, als einen Text zu lesenn, verstehen und interpretieren. Anschließend “richtig” zitieren. Oder sich auch nur merken, unter welchem Bezeichner der Text veröffentlicht wurde. In was für eine “Ecke” der Text gestellt wird.

Unzufriedenheit mit den Rechtfertigungen wäre das nächste. Konsequent sein. Alles oder nichts denken. Keinen Freiraum lassen. Und sich dann scheiße fühlen. Weil’s auch zu einfach wäre, alle Ansprüche aufzugeben.

Angst haben. Nicht verstanden werden. Angst haben, nicht verstanden zu werden. Vorgegangene Lösungen nicht nachgehen wollen. Nicht nachgehen können. Angst sich zu verändern. Änderungen nicht mitgehen zu wollen. Sich an einer Identität festhalten. Den mühsam gefundenen Anschluss verlieren.

Verständnis haben. Nicht erwarten. Nicht verlangen. Verstehen lernen. Verständlichkeit lernen. Lernen, verstanden zu werden. Alles anstrengend.

Auch weil es keine Pausen gibt. Keine Regeneration. Kein Besinnen. Ständiges Tun. Tun Müssen. Tun Wollen. Weiterdenken. Chaos leben. Chaotischer Leben.

Mitten im Leben. Und das mit dem Feedback nehmen. Feedback geben. Sollte ich mir auch nochmal anschauen.

Gendern?

Die Mär der »politisch korrekten Sprachpolizei«, die den »Genderwahn« im Hoschulbereich schon so weit gebracht hat, dass mensch ohne Binnen-I keinen Titel bekommen könnte, ist nicht totzubringen. In zahlreichen Diskussionen lamentieren zahlreiche Studierende (gleich welcher Studienrichtung), dass eins soviel Zeit darauf verwenden müsse, jetzt einen antidiskriminatorischen Sprachgebrauch zu finden, dass für die eigentliche Arbeit keine Zeit mehr bliebe.

Interessant ist das deshalb, weil die Behauptung zum einen schlicht nicht stimmt – es gibt keine “politisch korrekte” Sprachpolizei und wenn dann sind eher die “Erhalter” und “Wahrer” der “deutschen Sprache”, die unter dem Deckmantel einer nicht benötigten Sprachpflege, reaktionär-konservative Weltbilder schützen wollen, anstatt einzusehen, dass sich Sprache verändern kann und immer wird und dass ein Prozess ist, der weder angehalten werden muss noch kann.

Und zum anderen ist es auch nicht so schwer einzusehen, warum die deutsche Sprache einfach diskriminatorisch ist. und weshalb es eigentlich notwendig ist, über den eigenen Sprachgebrauch zu reflektieren. Für alle, die nicht einsehen können, warum die deutsche Sprache schlichtweg kaputt ist, sei folgendes Video empfohlen:

Aus eigener Erfahrung kann ich jedenfalls sagen, dass es im Grunde überhaupt keine Zeit verbraucht, wenn erstmal klar ist, warum man auf eine geschlechtergerechte Sprache achten sollte bzw. dass die Zeit, eine passende Formulierung zu finden, ja nicht umsonst ist, sondern dazu führt, dass eins bewusster und hoffentlich reflektierter spricht bzw. denkt.

Programmierbarkeit von Menschen

Ein kontroverses Thema. Wie in meinem vorherigen Beitrag angeführt, spielt in meinen Augen, auch die philosophische Frage, ob der Mensch manipulierbar ist und inwiefern, für politische Diskussionen eine Rolle.

Es scheint, als ob sich langsam eine hegemoniale Sicht in den Kognitionswissenschaften durchsetzt, die wohl von Steven Pinker in seinem Buch “The Blank Slate – The Modern Denial of Human Nature” (2002) am eindeutigsten beschrieben wird. Dass Menschen eine Natur haben und nur begrenzt beeinflussbar sind. Zusammen mit einer mathematischen “Spieltheorie”, werden menschliche Verhaltensweisen und Bräuche  von z.B. Richard Dawkins als “evolutionäre stabile Strategien” bezeichnet.

Grundgedanke hinter letzterem, soll unter anderem erklären, warum sich Altruismus in der Biologie nur auf Reziprozität rückführen lässt, der also auch darauf achtet, dass es keine “freeloader” gibt.

Mein Problem mit solchen Theorien sind nicht deren deskriptiver Gehalt, sondern dass damit mensch allzuleicht in Versuchung gerät, ein optimales Verhalten der Individuen zu Ersinnen und davon auszugehen, dass dies die einzig “vernünftige” Position wäre, ohne zu realisieren, dass in der realen Welt™ keine Strategie vorgegeben ist und sich z.B. eine Gruppe von (menschlichen) Individuen sehr wohl dafür entscheiden könnte, eine “evolutionär” nicht sinnvolle bzw. instabile Strategie auszuprobieren.

Der Fehler ist ein klassischer naturalistischer Fehlschluss. Mal abgesehen davon, dass sich reale Entscheidungsprobleme in den seltensten Fällen auf derartige “Spiele” reduzieren lassen, hat diese Einstellung – die völlig ignoriert, dass Menschen in sozialen Netzwerken gebunden sind und Entscheidungen nicht kontextfrei gefällt werden können – auch ein regressives Element: sie suggeriert, dass eins die Verantwortung für eine Entscheidung an einen Algorithmus abgeben kann, weil dieser sagt, die Entscheidung wäre “vernünftig”.

Erwähnenswert finde ich das Thema deshalb, weil ich einen Unterschied zwischen biologischen Erklärungsmodellen (mathematische Modelle, die ein bestimmtes, beobachtetes Verhalten formalisieren und dadurch simulierbar machen) und Biologistischer Ideologie, also die Verklärung des Menschen bei dem beobachtete, soziokulturelle Phänomene auf eine vermeintliche biologische bzw. genetische Ursache rückgeführt wird.

Letztere blendet für mich aus, dass Menschen besonders adaptive Wesen sind, was jetzt nicht heißt, dass Menschen eine tabula rasa wären, die beliebig programmiert werden können, aber dass aus der Feststellung, dass wenn z.B. ein Großteil der weltweiten Bevölkerung(en) in heterosexuellen (Paar-)Beziehungen lebt, so dass quasi von einem globalenuniversellen kulturellen Merkmal gesprochen werden kann, das nicht nur deshalb tun, weil es der Fortpflanzung dient, sondern dazu a) ganz viele soziokulturelle Einflüsse mitspielen, die diese Heteronorm reproduziert und b) andere Beziehungsformen nicht nur vorstellbar sind, sondern auch für viele eine Realität sind – auch wenn das z.B. noch in Mainstream-Medien (Film und Fernsehen) auch 2013 fast völlig unsichtbar ist und es noch eine lange Zeit braucht, bis diese Realität von allen anerkannt wird.

D.h. es ist jetzt eigentlich keine allzuschwere Wissenschaft, verallgemeinernde Hypothesen wie “Menschen sind zweigeschlechtliche Tiere” zu widersprechen (Lektüre-Tipp: Heinz-Jürgen Voß’ Geschlecht – Wider die Natürlichkeit aus der theorie.org-Reihe / Schmetterling-Verlag), aber dennoch hält sich der Glauben an diese Binarität (genauso wie viele andere Dinge).

Dafür gibt’s viele Erklärungsmodelle, aber ein biologistisches (Strohmensch: die Leute glauben daran, weil es natürlich/biologisch/genetisch bedingt ist, X zu glauben) verklärt meines Erachtens die Welt (richtiger: es gibt einige Menschen, die glauben, dass es natürlich/biologisch/genetisch bedingt wäre, XYZ zu glauben, u.A. weil sie XYZ glauben). Und mit soziokulturellem Einflüssen meine ich, dass nicht nur ich XYZ glaube, sondern auch die Leute, mit denen ich mich austausche, etc.

Informatik & Gesellschaft

Ich find’s erstaunlich, dass bei vielen meiner Studienkolleg_innen die Vorstellung vorherrscht, dass Informatik ein rein “technisches” Studium sei, das nichts mit Überlegungen zu anderen (gesellschafts)politischen Fragen zu tun hat. Da ich aber gemerkt habe, dass viele – mit denen ich geredet habe – überhaupt nichts mit dem anfangen können, was ich zu den Dingen zu sagen habe und wie sehr teilweise auch darauf bestanden wird, dass ich doch eine eigene Position vertreten solle, anstatt quer durch die Reihe irgendwelche Texte zu zitieren, die ich für mein eigenes politisches Verständnis für wesentlich erachtet habe, habe ich mir gedacht, ich erkläre mal, warum das schon allein “informationstechnisch” (also was ich mir darunter – gar nicht wissenschaftlich – vorstelle) keine gute Idee ist.

Bevor ich anfange, die Warnung, dass – auch wenn ich mich immer sehr bemühe so oberflächlich wie möglich zu bleiben – ich eventuell zu sehr ins “technische” Abschweife (ich tue das allerdings in der Hoffnung, dass das “Technische” gar nicht so kompliziert ist, wie immer getan wird und dass ich einen “didaktisch” wertvollen Beitrag liefere). :)

Informatik und Gesellschaft also? Je nach Uni ist es ein mehr oder weniger nicht berücksichtigtes Feld. An der Uni Wien gibt’s im Bachelorstudium Informatik seit paar Jahren nur mehr eine 3 ECTS-VU gleichen Namens und was darin gelehrt wird ist einerseits stark abhängig vom LV-Leiter und Aufbau des jeweiligen Kurses und andererseits auch abhängig von deinen Kolleg_innen. Grund für letzteres ist, dass ein großer Teil der thematischen Vielfalt (abhängig natürlich vom jeweiligen Kurs) nicht in einem klassischen Frontalunterricht vermittelt wird, sondern durch Gruppen- oder Einzelpräsentationen oder auch nicht.

Interessant ist nun, dass die durch die LV ermöglichte und teilweise sogar explizit als Ziel formulierte Reflexion im restlichen Studium völlig zu kurz- oder gar nicht erst vorkommt. Natürlich kann eins jetzt hergehen und das auch positiv (um)deuten und der Meinung sein, dass mit der universitären Reife auch die Menschen autonom und für sich denken können und sollen, weshalb da kein institutionalisierter Rahmen vorgegeben wird (bzw. dass genau das nicht Vorhandensein, irgendwelcher Reflexionsmöglichkeiten erst Voraussetzung für ein kritisches Bewusstsein sind) – was (achtung, polemik^^) wohl auch der Grund sein wird, dass z.B. die Republikanische Partei in Texas in ihrem Parteiprogramm fordert, dass keine “Higher Order Thinking Skills” gelehrt werden sollen… – aber das ist eigentlich eine eigene Besprechung wert.

Nach dieser Analyse, warum ich nicht gerade auf meine Studi-Kolleg_innen baue, auch wenn ich die Hoffnung nicht aufgegeben habe, wollte ich aber – auch weil so ein elitäres, “reflektiert” doch mehr und “seid kritischer” ja oftmals in den falschen Hals genommen wird und nix bringt – das vermittelte gesellschaftliche Vakuum – in dem sich die Informatik auch als “technische” Wissenschaft” eben nicht befindet – mit und in einer Sprache “füllen”, die meine Kolleg_innen hoffentlich verstehen.

Als Basis für meine Erklärung und den Apell, Techniksoziologie nicht als Wischi-waschi-Irrelevante Sozialwissenschaft zu sehen, sondern eine politisch höchst relevante, werde ich darauf aufbauen, was ich von dem Kurs, der mich am meisten bewegt hat, das mitzunehmen versuchen, woran ich mich erinnern kann – und hoffen, dass ich irgendwann alle Quelle(n) für diese Idee nachreichen kann – nämlich, dass wir dank technologischer Fortschritte in der Lage sind, nicht mehr nur von “Gemeinschaft” und “Gesellschaft” zu sprechen, sondern von sozialen Netzwerken.

In der Informatik gibt es auch viele Netzwerke und Netzwerktheorie. Interessant sind hierbei Kommunikationsnetzwerke, wie z.B. das Internet, wo Rechner einzelne Knoten sind, die irgendwie miteinander verknüpft sind (also nicht irgendwie, aber für ein Kommunikationsprotokoll wie IP spielt dass dann weniger eine Rolle). Wichtig ist eher, das sie verteilt sind und in einem gewissen Rahmen unabhängig von einander agieren und aber auch aufgrund von Informationsaustausch Sachen berechnen.

Nachdem wir in der Informatik sowieso lernen (sollten) zu abstrahieren, ist es jetzt keine große Kunst, die für die didaktische Erklärung notwendige Sichtweise, Menschen als mehr oder weniger gut programmierbare Knoten zu betrachten, die miteinander kommunizieren, um zu handeln und zur Kommunikation natürlich auch Kommunikationsprotokolle einsetzen. Zur Programmierbarkeit der Menschen sag ich später noch was, aber damit die Metapher Fuß fassen kann, können wir ruhig auch mit Stereotypen und Vorurteilen arbeiten und so tun, als ob Menschen sich nicht durch Gespräche und Reflexion ändern können.

Ich hab jetzt schon öfters auf Kommunikationsprotokolle hingewiesen, aber jetzt möchte ich das auch mit ein bisschen Geschichte der Informationstechnologie in Verbindung setzen und inwiefern sich damit gewisse, politische Forderungen von verschiedenen “radikalen” Gruppierungen auch für Mainstream-sozialisierte Informatiker_innen erklären lassen.Ganz verkürzt ist eine gemeinsame Sprache und eine Schnittstelle mal Grundvoraussetzung um miteinander zu kommunizieren (also wenn mensch mal ausblendet, dass es auch Übersetzungen geben kann). Schnittstellen bei der Kommunikation von Menschen kann vieles sein. Im abstrakten Sinne kommunizieren wir ja nicht nur über ein Medium, sondern über viele.

Aber gehen wir mal nur von der Kommunikation zwischen zwei Menschen aus. Diese können, wenn sie räumlich und zeitlich nicht von einander entfernt sind, miteinander sprechen und direkt Nachrichten austauschen. Technologie ermöglicht jetzt die Kommunikation über örtliche Distanz hinweg und auch über zeitliche. So gibt’s einerseits mal die Technologien der Schrift und Papier, die zu Büchern führen, dann aber auch Technologien, wie Telefon, Schreibmaschinen, Radio, Fernsehen, Computer, Internet, Web, Social Media, etc.

Interessant sind aber auch andere (soziale) Techniken, wie institutionalisierte Wissenschaft, Bildung, Geld, Wirtschaft, Geschichte, Recht oder auch Religion. Und theoretisch könnte man auch noch Gewalt und Unterdrückung dazuzählen, nachdem wahrscheinlich die meisten Leser_innen z.B. in einen einen sogenannten Rechtsstaat leben.

Da ich in diesem Beitrag keine Analyse der bestehenden Verhältnisse anstrebe, sondern das ganze “informationstechnisch” angehen möchte, möchte ich klarstellen, dass das diese “Techniken” alles (historisch gewachsene) Kommunikationsprotokolle sind (also gesehen werden können), die wahrscheinlich von den meisten von uns unhinterfragt implementiert und reproduziert werden.

Unbestritten, dass Kommunikationsprotokolle in einem dezentralen Netz nicht einfach so geändert werden können (die Umstellung auf IPv6 wird noch eine Weile dauern, auch wenn es eine bessere Lösung sein soll und sich fast alle mehr oder weniger einig sind, dass es das ist, etc.), aber dass uns in dieser Welt nichts und niemand davon abhält, dass wir es nicht schon vorher versuchen (und lokale Netze schon mal vorab umstellen und versuchen die ISPs zu überzeugen, dass es nicht so viel kostet, etc.). Ganz stimmt das natürlich nicht, weil wir ja “funktionieren” wollen bzw. es total anstrengend und ermüdend ist, gegen den Strom zu schwimmen (und es klarerweise auch darauf ankommt, was wir ändern oder implementieren wollen).

Hier würde dann ein Hinweis auf Focault oder so kommen oder wieder auf Nancy Fraser verwiesen, aber nachdem ich mit dem technischen Stereotyp arbeiten möchte, lasse ich das mal. Wichtig ist eher mal, eine “objektive” Grundlage für weitere Diskussionen zu formulieren, in der dann so scheinbar ganz akademische Unternehmungen wie “Dekonstruktivismus” plötzlich Sinn ergeben. Und vielleicht schaff ich das auch irgendwann mal pointierter und ohne Ausschweifungen in irgendwas Irrelevantes. ;)

In unserer Gesellschaft ist es natürlich um einiges komplizierter als mit dem Internet (weshalb ja Dekonstruktivismus so wichtig ist), da es (zum Glück) keinen gemeinsamer Zweck gibt, keine Instanz oder Authorität gibt, über die wir uns einigen können, was uns allen wichtig sein muss, dass wir aber vielleicht doch bald mit einer “erbarmungslosen” Technik konfrontiert sind, die uns keine Wahl mehr lässt – so wie der Kapitalismus alternative Wirtschaftsmodelle verunmöglicht (oder es versucht). Aber das ist eine andere Diskussion.

Viel wichtiger ist jetzt auf die Frage zurückzukommen, ob wir als individuelle Knoten ein bestimmtes Verhalten des Netzwerkes erzwingen können bzw. was dafür notwendig ist, nachdem wir trotz technologischer Fortschritte, die uns eigentlich ermöglicht über Grenzen hinweg mit anderen Menschen zu kommunizieren, eine limitierte Sicht auf die Welt haben (vielleicht sogar haben müssen).

Der Witz ist, dass – dank dem Projekt der Aufklärung und eigentlich eh schon immer – jede_r für ihr eigenes Kommunikationsprotokoll verantwortlich ist und dass soziale Kämpfe aller Art als politische Änderungsversuche der Kommunikationsprotokolle gesehen werden kann.

Wichtig sind deshalb auch die eher philosophische Grundsatzfragen, die teilweise die möglichen Gespräche und Änderungen vorwegnehmen: Habe ich ein dogmatisches Bild von Menschen, die mit spezifischen Interessen – z.B. über Annahmen, die alle akzeptieren können sollten (wie z.B. dass Menschen als biochemische Maschinen, Nahrung aufnehmen müssen, um handeln zu können) und deshalb ein Interesse haben nicht zu hungern – geboren werden und sich warum auch immer nicht ändern können, dann kann ich mich nur darum streiten, was denn genau jetzt diese Annahmen sein mögen, mit denen eins geboren wird.

Gehe ich nun davon aus, dass dies nicht der Fall ist, also dass Menschen sehr wohl auch “Interessen” haben, die sich auch aus einer gesellschaftlichen Dynamik ergeben und nicht naturalisiert mit z.B. biologistischen Determinismus erklärt werden, so spielt die Frage, wie sich diese Interessen bilden und warum und wieso bestimmte Diskurse geführt werden (können) eine Rolle.
ps. diese Beschreibung ist wie alles was ich mache ein ständiges work-in-progress.

Identitätspolitik

Ich stell mir in letzter Zeit immer häufiger Fragen, wie ich mich sehen möchte, wie z.B. proaktiv oder reaktionär und was das für mein Handeln bedeutet? Allerdings merke ich, dass dieser Diskurs oftmals sehr abstrakt stattfindet und bei konkreten Fragen (gehe ich auf eine Demo? verbreite ich eine Information?) andere Sachen wichtiger scheinen, als meine gewollte Selbstdarstellung bzw. ich wenig bis kaum einen Einfluss darauf habe, wie meine Überlegungen zu einer anderen Fremddarstellung führen können.

Auf der sehr abstrakten Ebene scheint es leicht, die “richtige” Position zu finden, doch sobald es konkreter wird, ist das mit der “Richtigkeit” schon nicht mehr so klar. Dann geht’s plötzlich auf mehreren Ebenen um alles mögliche. Um Befindlichkeiten, Interessen, Beziehungen, Möglichkeiten. Manchmal geht’s auch um Existenzen. Weshalb “Politik” nicht mehr so einfach ist…

Ein Grundproblem habe ich schon versucht in Design einer offenen Gesellschaft darzulegen (bzw. auf Nancy Fraser’s Artikel verwiesen, der das Problem besser als ich es könnte mehr oder weniger abstrakt zusammenfasst) – im konkreten kann mir dieser konzeptionelle Rahmen aber kaum Fragen beantworten (was aber wahrscheinlich auch nicht der Sinn ist).

Über Distelfliege habe ich einen interessanten Beitrag von einem gewissen Jay Smooth gesehen, der dazu mahnt zwischen der Diskussion, was gesagt wurde, und dem, was mensch ist, zu unterscheiden:

Grund für diese Mahnung ist eine Erkenntnis aus langjähriger Erfahrung, die sich wahrscheinlich auch wissenschaftlich untersuchen ließe (wahrscheinlich schon wurde), nämlich dass Menschen allergisch auf Fremdzuschreibungen reagieren, die konträr zu ihrer eigenen Selbstwahrnehmung laufen.

Allgemein halte ich es für sinnvoll, solche Unterscheidungen zu machen, schon allein fürs eigene Wohlbefinden. Allerdings stellt sich mir die Frage, inwiefern nichtessentialistische Ansätze wirkmächtig sind. Oder anders gesagt, ob solche Strategien für die Analyse gesellschaftlicher Missstände nicht total nutzlos sind, eben weil sie irgendwo alles individualisieren. (Aber klar, das ist halt ein TED-Talk, die sind so.)

Nachdem ich Informatik studiere, weiß ich, dass ich allein wohl nicht die Gesellschaft verändern kann. Zumindest nicht maßgeblich. Was ich tun kann, ist, in meinem Netzwerk zu arbeiten, zu überzeugen und zu verändern. Und auch wenn ich Vernetzungsarbeit schätze, so ist es für mich doch nicht ewas, wofür ich immer Energien habe. Weshalb ich schauen möchte, ob ich das menschliche Gossip-Protokoll irgendwie hacken kann… (so wenig ich Hayek leiden kann, denke ich nämlich doch, dass er genau das – natürlich nicht alleine – gemacht hat…)

Naturrecht

[Anm: Die Hypothese, dass es "natürliche" Rechte gibt, ist eine Schöne, allerdings ist sie keine, die ich vertrete. Klar, ich glaube, dass die Menschenrechte einen zivilisatorischen Fortschritt™ darstellen und dass die meisten der Dinge, die da reinfallen, unantastbar™ sind oder zumindest sein sollten. Allerdings verwehre ich mich, diesen Rechten eine Natürlichkeit™ zuzusprechen, die sie nicht haben.]

M. hat versucht mir die Sache mit den Naturrechten so zu erklären: “Stell dir vor, du bist allein auf der Insel. Alles was du dort machen kannst, ist ein natürliches Recht.” (Anschaulich erklärt, anhand des Rechtes “nackt herumzulaufen”.) Auf meine Einwände, dass ich das nur machen kann, weil ich alleine dort bin, dass es für diese Situation gar keine Rechte braucht, dass sich die Lage ändert, wenn mehrere Menschen hinzukommen (also wir uns von der Insel-Metaphor entfernen und es plötzlich andere stören kann, wenn ich “nackt herumlaufe”) und dass es dann trotzdem einen Unterschied macht, was genau ich mache (z.B. wenn ich nicht nur “nackt herumlaufe”, sondern “alle anderen Tiere vernichte” oder “die Umwelt verschmutze”), ist M. nicht eingegangen.

Gestört hat sich M. aber auf meinen Hinweis, dass es eben kein Recht auf “nackt herumlaufen” gibt und deshalb M.s Beispiel mit der Insel also schon mal nicht so toll sein kann und M. sich bitte etwas Neues ausdenken möge.

Auf meinen Hinweis, dass die Wikipedia-Definition (“positives Recht [ist] das Recht, das vom Menschen erschaffen wird, während Naturrecht vom Menschen bloß entdeckt wird.”) impliziert, dass es “Recht” gäbe, dass nicht vom Menschen konstruiert wäre (worüber wir ja diskutiert haben), ist die Diskussion abgedriftet. [Nachtrag: Nach bisschen Wikipedia-Lektüre müsste ich mich wohl fragen, ob M. noch atheistisch sei, wie behauptet. :) ]

Alles was ich sage, wäre “rechtspositivistisch”, “Frankfurter Schule” und ich solle endlich nachschlagen, was das heißt. Außerdem soll ich Nihilist sein. Und Anarchist. Oder Kommunist. Spielt ja keine Rolle. Genauso wenig, dass ich diese Begriffe für mich ablehne, weil ich damit nichts anfangen kann. Also Schubladendenken und so. Also muss ich wohl auch Produkt einer Waldorfschule sein. Und ich frag mich nur, ob M. auch Argumente für die behauptete “Natürlichkeit” hat. Oder mir erläutern kann, was das heißt.

“Stell dir vor du bist allein auf einer Insel…”